Reisesicherheit: Wer für Ihre Sicherheit unterwegs verantwortlich ist

Reisesicherheit: Wer für Ihre Sicherheit unterwegs verantwortlich ist

Die Frage leitet viele meiner Sicherheitstrainings ein: Wer ist eigentlich für die eigene Sicherheit im Ausland und auf Reisen zuständig? 

Die Antworten der Teilnehmer reichen dabei von "Polizei" und "Botschaft" über "Arbeitgeber" bis hin zu "jeder für sich selbst".

Dabei stelle ich immer wieder einen interessanten Unterscheid fest: Die Teilnehmer mit weniger Erfahrung im Ausland sehen vor allem Polizei und Behörden in der Pflicht. Jene Teilnehmer hingegen, die über mehr Erfahrung verfügen, vor allem in Krisenregionen, pochen darauf, dass jeder Mensch für die eigene Reisesicherheit in erster Linie selbst verantwortlich ist.

Wer also ist tatsächlich für die eigene Sicherheit im Ausland und auf Reisen zuständig?

Spoiler: Sie selbst. 

Reisesicherheit beginnt mit einer Entscheidung

Sicherheit beginnt mit der eigenen inneren Haltung, dem richtigen Mindset. Reisesicherheit beginnt daher mit einer bewussten Entscheidung.  

Diese Entscheidung lautet: Sie selbst erklären sich zuständig für Ihre Sicherheit. 

Das klingt banal, aber diese Entscheidung hat aber in der Praxis weitreichende Konsequenzen. Denn diese Entscheidung verändert Ihr Mindset: Sie übernehmen ab sofort die Verantwortung. Sie sind zuständig.

Natürlich bleibt auch Ihr Arbeitgeber (Stichwort: Fürsorgepflicht) für Ihre Sicherheit auf Reisen verantwortlich. Aber Sie verlassen sich ab sofort nicht länger auf andere.

Fakt ist: Sicherheit lässt sich nur begrenzt delegieren. 

Menschen mit Erfahrung in Krisengebieten wissen das. 

Hier sind drei Gründe, warum Sie bewusst die Verantwortung für Ihre eigene Sicherheit übernehmen sollten.

Grund 01: Zahl und Ressourcen Ihrer Helfer sind begrenzt

Eine wichtige Anlaufstelle für Geschäftsreisende, Expats, für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen oder Touristen bei Problemen im Ausland sind die Botschaften und Konsulate des eigenen Landes. Botschaften und Konsulate haben unter anderem die Aufgabe, in Not geratene Staatsangehörigen vor Ort zu unterstützen. 

Die Betonung liegt hier auf „unter anderem“. In der Praxis haben diese Institutionen eine Vielzahl von Aufgaben zu erfüllen. Daher sind die Ressourcen dieser Institutionen naturgemäß begrenzt.

Begrenzt insofern, weil nicht in allen Ländern der Welt Botschaften des eigenen Landes existieren. Das gilt auch für Deutschland. Wer als Geschäftsreisender oder Expat im Auftrag unterwegs ist, der kann mitunter auf die Unterstützung durch die Konzernsicherheit des eigenen Unternehmens zählen. 

Denn Unternehmen sind im Rahmen der Fürsorgepflicht dazu verpflichtet, für die Sicherheit der eigenen Mitarbeiter auf Reisen zu sorgen. Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) kann die Aufgaben der Konzernsicherheit auch ein externer Dienstleister übernehmen, sofern keine eigenen Strukturen vorhanden sind.

Aber die Botschaft oder auch die Konzernsicherheit Ihres Unternehmens, das Risk Management Office oder Sicherheitsbüro kann Ihnen im Ausland nur sehr begrenzt helfen, wenn Sie dort im Gefängnis landen, weil Sie gegen ein Gesetz verstossen haben.

Die Polizei ist nicht überall der Freund und Helfer - im Gegenteil

Die lokalen Gesetze gelten auch für Sie; Ihre Nationalität schützt Sie nicht vor Strafe bei Drogenbesitz und anderen Aktivitäten, die vor Ort illegal sind.

Kalkulieren Sie ebenso ein, dass Botschaften und Konsulate eine Reaktionszeit benötigen. Rechnen Sie mit mehreren Stunden bis mehreren Tagen, bevor Sie tatsächlich einen offiziellen Vertreter zu Gesicht bekommen. Denn das Zuständigkeitsgebiet der jeweilen Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamtes (BKA) kann in einigen Fällen mehrere Staaten umfassen, deren Fläche zusammengenommen größer als Europa ist. 


Reisesicherheit-Polizei


Bleiben schließlich die Polizei und andere Sicherheitskräfte vor Ort. Hier ist Skepsis angesagt, besonders in fragilen Staaten. Denn zum einen können die lokalen Sicherheitskräfte oft nur begrenzt für Ihre Sicherheit sorgen (vor Terroranschlägen oder kriminellen Übergriffen zum Beispiel), zum anderen wollen diese das meist gar nicht.

Besonders in fragilen Staaten ist die Rolle zum Beispiel der Polizei häufig vielschichtig, um es höflich auszudrücken. In vielen Ländern sind Polizisten mehr an der eigenen Bereicherung interessiert als daran, sich von einem Wildfremden unnötige Arbeit bescheren zu lassen. Das wiederum liegt meist daran, dass das monatliche Salär von Polizisten häufig sehr bescheiden ausfällt, so es denn überhaupt regelmäßig gezahlt wird. 

Statt Hilfe sind hier also lediglich weitere Probleme zu erwarten. Es gibt gute Gründe, warum die Menschen in fragilen Staaten die Polizei oft meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Grund 02: Es verbessert Ihre Wahrnehmung für Gefahren und Risiken

Sobald Sie bewusst die Verantwortung für Ihre eigene Sicherheit und damit für Ihre eigenen Handlungen übernehmen, ändert sich die eigene Haltung. Sie fangen an, bewusst auf Ihre Umgebung zu achten, um mögliche Gefahren frühzeitig erkennen und darauf reagieren zu können. 

Dieser bewusste Schritt fällt vielen Westeuropäern mit wenig Reiseerfahrung häufig schwer. Denn er bedeutet einen Paradigmenwechsel, eine fundamentale Veränderung. Und diese ist unbequem, weil sie die Menschen aus der eigenen Komfortzone zwingt. Statt die eigene Aufmerksamkeit auf Sehenswürdigkeiten, Landschaften oder die Hotelbar zu richten, sollen sie auf einmal ihre Umgebung scannen, ob sich Kriminelle heranpirschen. Das empfinden die meisten Menschen zunächst als unangenehm. 

Der Grund, warum dieser Wechsel gerade vielen Menschen aus Westeuropa so schwer fällt: Sehr viele Menschen in Westeuropa haben eine unzureichende Wahrnehmung von Gefahren und Risiken. Das wiederum hat mit der eigenen Sozialisiation zu tun, in der es offensichtlich kaum Berührungspunkte mit Gefahr und Risiken gab und der Staat durch seine Sicherheitsorgane alles immer irgendwie geregelt hat. 

Vollkasko trübt die Wahrnehmung

Deutschland ist ein gutes Beispiel für ein Land mit einer Vollkasko-Mentalität: Für jeden Fall und Notfall gibt es irgendeine Behörde, Gewerkschaft, Bank oder Versicherung, die sich für zuständig erklärt. Und viele Menschen nehmen das gerne in Anspruch. Es ist bequem und gibt ein Gefühl der Sicherheit. 

Der Nachteil ist eine schleichende Entmündigung. Ein solches Klima fördert Naivität und Nachlässigkeit im Umgang mit Gefahr und Risiken und erschwert das Leben und Reisen in Ländern mit weniger Ordnung und Regelungen deutlich.

Die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen, steigt in der Regel mit zunehmender Reiseerfahrung, vor allem in jenen Ländern ohne funktionierende Herrschaft des Rechts. Es ist ein Prozess der Anpassung an die Realitäten anderswo.

Grund 03: Reality check – Sie müssen die Realitäten im Zielland akzeptieren

Die Realitäten vor Ort im Zielland unterscheiden sich mitunter fundamental von den Verhältnissen zuhause. Anders gesagt: Was in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gilt, das hat deswegen nicht auch Gültigkeit in Mauretanien oder in Pakistan. 

Das klingt banal. Der Punkt ist: Es fällt vielen Menschen schwer, diese Andersartigkeit nicht nur zu erkennen, sondern auch zu akzeptieren und das eigene Verhalten darauf einzustellen.

In meinen Sicherheitstrainings erlebe ich es immer wieder, dass Teilnehmer Schwierigkeiten damit haben, die Realitäten in einem spezifischen Land zu akzeptieren. Sie sehen, was sie sehen wollen. Sie wollen nicht sehen, was ist. 

So werden Risiken ignoriert, Realitäten umgedeutet, wenn es nicht in das eigene Weltbild passt. Das hat in einigen Fällen mit fehlender interkultureller Kompetenz zu tun. In vielen Fällen hat es jedoch um den Reisenden mit seinen Wünschen, Plänen und Werten zu tun. Es sagt mehr über den Reisenden aus über als das jeweilige Land und die Verhältnisse vor Ort.

Wer die Realität ignoriert, macht sich verwundbar

Das trifft in meiner Erfahrung häufig auf Touristen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu. Die einen wollen oft nur die schönen Seiten eines Landes sehen. Die anderen haben oft eine Agenda, der sie verpflichtet sind und die sie mitunter davon abhält, Gefahren als solche zu benennen. 

In der Folge entstehen sogenannte blind spots, blinde Stellen in der eigenen Wahrnehmung. Diese ausgeblendeten Aspekte der Realitäten steigern jedoch die eigene Verwundbarkeit und erhöhen damit die eigenen Risiken, beispielsweise Opfer eines Raubüberfalls zu werden.

Auch dies ist eine Grundregel der Reisesicherheit: Erfassen und verstehen Sie die eigene Situation! Erkennen und akzeptieren Sie die Realitäten in Ihrem Zielland.

Fazit

Sie sind verantwortlich für Ihre eigene Sicherheit, weil Sicherheit sich nur bedingt delegieren lässt. Das richtige Mindset kann Ihre persönliche Sicherheit auf Reisen signifikant erhöhen.


Gute Reise!

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